Veranstaltungen und Berichte aus der Region

AWO Fuldatal: Besuche im Technikmuseum und im Henschelmuseum

Am Nachmittag des 18. Oktober 2022 besuchten 20 Mitglieder und Freundinnen und auch ein paar wenige Freunde der AWO Fuldatal das Technik-Museum-Kassel und anschließend das Henschel-Museum. Beide Museen befinden sich in den alten Gebäuden, die einst zum Henschel-Werk Rothenditmold gehörten.
Die Führung begann im Technik-Museum, wo ein mit umfangreichem Wissen ausgestatteter Museumsführer von Station zu Station führte und historische Produkte aus Kasseler und Nordhessischer Industrie präsentierte: Der Drache, Henschels 1. Lokomotive aus 1848, als Modell aus Holz; feinmechanische und optische Instrumente, z. B. für Sternwarten; Produkte aus der Medizingeschichte u. a. Katgut (tierisches Material zum Vernähen von Wunden, welches sich im Körper auflöst und nicht mehr gezogen werden muss) und Inkubatoren – von B. Braun entwickelt; eine Pillenpressmaschine für Apotheken; Messinstrumente zur Überprüfung von Narkosegeräten, die die Fa. Dräger hergestellt hat. Eine SOS-Notrufsäule, sonst an den Autobahnrändern zu finden, befand sich hier und wurde ausprobiert, allerdings ohne Kontakt zum anderen Ende, aber dennoch anschaulich. Die Magnetschwebetechnik kam auch nicht zu kurz, wir durften treppauf in eine Magnetschwebebahn einsteigen und hörten da drinnen einen kurzen Vortrag über die Entwicklung; die Patente liegen jetzt bei Thyssen-Krupp. Doch leider hat sich diese Technik nicht durchgesetzt, die einzige Bahn dieser Art fährt in Shanghai.

AWO Fuldatal im Technikmuseum beim Transrapid

AWO Fuldatal im Technikmuseum beim Transrapid

Auch zu Lichtzeichenanlagen und Ampeln gab’s einige Beispiele zu sehen, in Kassel war die erste Lichtzeichenanlage mit Ampelsteuerung installiert; der dazu gehörige Verkehrszentralrechner war von Siemens entwickelt und gebaut. Uns wurde ein solcher Schrank geöffnet, der mit seiner technischen Ausstattung sehr beeindruckte. Auch über Flugtechnik standen und hingen Ausstellungsstücke zur Schau, darunter ein Flugfeuer, welches in Realität 38 km weit leuchten konnte. Vorläufer von Waschmaschine und Kühlschrank zeigten sich von außen und von innen. Das Herzstück eines Mikrowellenherdes war ausgestellt, welches zwar als solches nicht zu erkennen war, doch Dank des Museumsführers erfuhr die Gästeschar, dass ein Mikrowellenherd, zumindest der ersten Generation, innen so aussah.
Da wir Gäste überwiegend weiblich waren, zeigte uns der Museumsführer nicht diejenige Technik, die ein Ingenieur interessant finden und verstehen würde, aber es steht jedem technikversierten Menschen frei, sich im TMK selbst umzuschauen – es lohnt sich, wir fanden es beeindruckend!
Dann ging’s ein paar Schritte über den Hof zum Henschelmuseum, wo wir uns zunächst in einem Vortragsraum versammelten, um eine kurze Einführung in die Henscheldynastie und Historie des Henschel-Werks zu erhalten:
Unbekannt dürfte sein, dass die Henschels aus Breslau stammten. 1614 sind sie nach Mainz umgezogen, und nach einer weiteren Station in Gießen gründete Georg Christian Carl Henschel 1810 in Kassel am Möncheberg die Gießerei und bildete somit die Anfänge der Henschelschen Unternehmensdynastie hier in Kassel.
Sein Sohn Carl Anton Henschel baute das Werk aus und schuf u. a. 1848 die erste Henschel-Lokomotive, den Drache.
Georg Alexander Carl Henschel trat in das väterliche Unternehmen ein und vergrößerte das Werk, er hat 1857 den ersten Lokomotiv-Exportauftrag nach Amsterdam abgewickelt.
Sein Nachfolger Carl Anton Oskar Henschel musste mit 23 Jahren das große Erbe antreten. Er errichtete das Werk Rothenditmold.
1862 heiratete er Sophie, die nach seinem frühen Tod das Unternehmen 18 Jahre erfolgreich weiterführte. Nur in dieser Zeit unter Carl Anton Oskar und Sophie war das Werk „rüstungsfrei“.
1912 übergab sie ihrem Sohn Carl Anton Theodor die Firma Henschel & Sohn. Am Holländischen Platz war das neue Verwaltungsgebäude entstanden, 1918 das Werk Mittelfeld, wo er Wegbereiter des späteren Kraftwagenbaus war.
Der älteste Sohn Oscar Robert musste sehr früh die Firma übernehmen. Er setzte den Plan seines Vaters um und lieferte1925 die ersten Omnibusse aus. 1933 gründete er die Henschel-Flugzeugwerke, 1937 die Henschel-Flugmotorenwerke in Altenbauna. Er gab 1957 seinen Vorsitz ab, um einem neuen Management Platz zu machen. Er setzte sich in die Schweiz ab, wo er 1982 starb.
Zu erwähnen ist noch Johann Werner Henschel, der Bruder von Carl Anton. Er absolvierte seine Lehre beim Vater als Stückgießer, studierte aber später an der Kunstakademie in Paris und lehrte als Professor an der Kunstakademie in Kassel. Zu seinen Werken zählt z. B. das Brückengitter der Teufelsbrücke, welches 1826 durch Fa. Henschel gegossen wurde, und 1822 gusseiserne Konstruktionsteile für das Gewächshaus im Bergpark Wilhelmshöhe.
Ferner sollte noch ein bewundernswerter Blick auf die ungewöhnlich sozial engagierte, herausragende Persönlichkeit Sophie Henschel (1841 – 1915) geworfen werden. Sie leitete die Firma von 1894 bis 1912 und schuf nebenher viele soziale betriebliche Einrichtungen, u. a. Rotes-Kreuz-Krankenhaus, Lungenheilstätte, und engagierte sich für soziale Belange der Stadt.
1957 geriet die Firma Henschel & Sohn GmbH in eine Krise, in deren Folge Oscar Robert Henschel die Geschäftsführung abgab. Fritz-Aurel Goergen brachte Henschel wieder auf Vordermann. Es entstand die Henschel-Werke AG, sie hatte bis zu 14000 Mitarbeiter. Dann entwickelte sich die nächste Übernahme, es wurde Rheinstahl Henschel AG daraus, die Reihe setzte sich fort als Thyssen Henschel. Aber immer mehr Produktbereiche wurden ausgelagert in andere Firmen. Außer Henschel-Antriebstechnik und Henschel-Industrietechnik ist nichts mehr übrig vom alten Henschelwerk. Die Loksparte gehört heute zu Alstom.
AWO Fuldatal im Henschelmuseum

AWO Fuldatal im Henschelmuseum


Auf unserem Rundgang durchs Museum begegneten uns an den Wänden viele Bilder, Fotografien und Skizzen sowie viele Modelle aus der Produktpalette von den Anfängen an, z. B. Glocken, Feuerspritzen, Turbinen, Dampfkessel, Dampfschiffe, Dampflokomotiven, Dampfstraßenbahnen, Dampfwalzen, Buchdruckpressen und andere Pressen, Gussöfen, Leuchter, Maschinen für Bergwerke, Maschinen für Mühleneinrichtungen, Werkzeugmaschinen, wehrtechnische Geräte und Militärfahrzeuge, Schneeschleudern, Flugmotoren und Flugzeuge, Omnibusse, LKWs, Dieselloks und elektrische Loks.
18.10.2022: AWO Fuldatal im Henschelmuseum

18.10.2022: AWO Fuldatal im Henschelmuseum


Im Anschluss an den Rundgang durchs Museum versammelten sich alle im Henschel-Café, in dem noch ein Museumsstück stand, nämlich eine von Henschel gefertigte große Kaffeemaschine von 1954. Wir bekamen allerdings Kaffee aus einer modernen Kaffeemaschine, und dazu ließen wir uns Kuchen schmecken.
AWO Fuldatal im Henschel-Café

AWO Fuldatal im Henschel-Café


In den Hochzeiten der Henschelphasen hieß es: Henschel ist Kassel und Kassel ist Henschel. Bestimmt kennt jeder, der bei dem Museumsbesuch dabei war oder der diese Zeilen jetzt liest, jemanden, der oder die bei Henschel gearbeitet hat.

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